Mit 30 setzt man sein Leben in ein Verhältnis zur Zeit, mit 50 sieht man den Abstand von damals zu morgen. Und wenn man mit wachem Verstand durch die Welt geht und sein Erinnerungsvermögen beibehalten hat, dann wird alles etwas klarer.

Über die Rente mit 67 und Hartz 4 schreibe ich heute nicht. Die Auswirkungen sieht man ja schon in Remscheid. Eine Stadt ohne Geld und Einwohner fast ohne Geld.

Heute schreibe ich über ein Remscheid, das Profil hatte und Menschen, die interessant waren.

Kennen Sie noch Günther Gruhlke?

Ein Künstler, der auch mich zunächst aufregte. Er brachte vielen das Zeichnen bei. Einige waren auch dort, weil die Modelle dort nackt waren, aber das mußten sie auch sein, wenn man sie zeichnen wollte. Das verstand aber nicht jeder.

Er war interessant und umstritten. Wie viele Abende trafen wir uns – immer per Zufall – in einer Kneipe in der Stadt! Er rauchte meistens Pfeife und es dauerte nie lange, bis wir wieder miteinander diskutierten. Heute weiß ich, daß sein Weg der bessere Weg war.

Er hat bei mir eine Lücke hinterlassen. Aber das sieht man erst, wenn man sein eigenes Leben verarbeitet hat. Ich glaubte nicht an die Kunst, er sah die Kunst als Lebensform. Ich suchte offenbar bei ihm etwas gegen die eigene Tristesse und verstand erst Jahre nach seinem Tod, daß es so war. Günther Gruhlke hatte früh verstanden, dass es nicht um die Aufbewahrung der Asche sondern um das Weitergeben des Feuers geht.

Die Kneipen gibt es nicht mehr, Günther Gruhlke ist ebenfalls nicht mehr bei uns und die Lücken wurden nicht geschlossen.

Maarten Dillinger machte mit mir damals gemeinsam Politik. Ein großer Mann mit stechenden Augen, einem ausgeprägten Sendungsbewußtsein und grauen Haaren. Ich mochte ihn, weil er Charakter hatte. Wenn wir uns bei ihm trafen, dann war seine Wohnung mit so viel gedruckten Gedanken voll, daß er wußte, alles kann er in diesem Leben nicht schaffen.

Er war Lehrer, Computerspezialist und Ufologe. Auch er relativierte meine kleine Welt. Er hatte einen Gedanken, den er nicht nur belegen konnte sondern den er überall kundtat: Zinsen sind Verbrechen.

Er war ein Genie in Mathematik und Physik und wies immer wieder darauf hin, dass Kapital nur einen Sinn haben könne. Es muß eingesetzt werden, um neue Werte zu schaffen, aber dafür darf man kein Geld nehmen, man darf es nicht im großen Stil vererben und schon gar keine Zinsen berechnen.

Zinsen waren seiner Meinung nach das größte Verbrechen seit der Erfindung der Ideologie des Kapitalismus. Wie man sieht hat er ja recht behalten.

Daneben war er davon überzeugt, dass es Ausserirdische gibt und die uns auch besuchen. Darüber schrieb er mehrere Bücher. Und er sagte mir, wenn ich erstaunt lächelte, daß die Wahrcheinlichkeit von Leben außerhalb der Erde so groß sei, daß das Abstreiten sogar naturwissenschaftlich unseriös wäre.

Auch er war eine Persönlichkeit. Auch er ist schon lange gestorben.

Heute habe ich Günther und Manfred wiedergetroffen. Während eines Spaziergangs kamen sie in meine Gedanken und wir sprachen zusammen. So wie damals wenn wir manchmal an der Theke standen.

Ich mit meinen Vorstellungen von Ehrlichkeit und Demokratie, Günther mit seinen Vorstellungen über Frauen und Kunst und Manfred (Maarten) mit seinen Überzeugungen für die Lösung der Welt und die Transzendenz des normalen Horizontes.

Ich danke auch den Wirten, die damals diese drei Weltbilder mit viel Sympathie immer wieder bis zum letzten Moment zusammenhielten und es schafften, dass es ein gelebtes Miteinander jenseits aller Weltbilder gab.

Rückblickend war es eine großartige Zeit, bei der Alkohol nicht die Intelligenz ersetzte sondern eine Inspiration war und ein kluger Begleiter.

Hallo Günther – Hallo Manfred!

Ich grüße euch dort, wo ihr jetzt seid.

Ihr seid Teil meiner Lebenszeit und ihr seid Teil einer Stadt gewesen, die nicht nur bunt war sondern auch lebendig und voller Geist. Ihr habt mir beigebracht, daß es mehr als meine kleine Welt gibt und ihr habt meinen Horizont wesentlich erweitert. Aber ich habe lange gebraucht, um euch zu verstehen.

Ich hoffe, es ist nicht zu spät.

Bis dann!