Nun wurde in Remscheid eine Waldgenossenschaft gegründet. Die Stadtsparkasse übernimmt den Verkauf der Anteilsscheine und laut den Interviews in der WDR Lokalzeit kann man damit sogar einen kleinen Gewinn machen.

Jeder kann kaufen, es muß kein Remscheider sein. Man „engagiert sich für die nachhaltige Bewirtschaftung des Waldes“, so Markus Wolff, Vorstandsvorsitzender, in der WDR-Lokalzeit am 14.03.2013.

Da dürfen wir gespannt sein, ob es um Liebe zum Wald geht oder um etwas anderes. Weil ich aber miterlebt habe, wie fast alle dicken Bäume auf meinen Wanderwegen verschwunden sind, bin ich eher misstrauisch. Denn dicke Bäume brauchen viele Jahre zum Wachsen und rechnen sich nicht für jährliche Bilanzen. Übrigens kann man gekauften Wald auch wieder verkaufen, um Gewinn zu machen.

Wenn man den bisherigen Umgang mit dem Remscheider Wald sieht, dann kann einem eher Angst und Bange werden. Und die Botschaft nach draussen, die die Medien völlig ungefragt übernommen haben, lautet bisher doch direkt und indirekt, wir kaufen private Waldflächen und die Bürger können sie benutzen.

Stimmt das so? Ich habe andere Dinge gefunden, über die keiner gesprochen hat.

„Als nun in Remscheid ein rund 100 Hektar großes Stück Wald, das bis dato nicht vom Stadtforstamt oder vom Forstverband betreut wurde, zum Verkauf stand, trat „Wald 2.0“ in Aktion. Im Rahmen des Projekts wurde auf vorhandene forstrechtliche Instrumente zurückgegriffen und diese wurden zu einem neuartigen Genossenschaftsmodell entwickelt. Beim Gemeinschaftswald können sich Kleinanleger sowie institutionelle Anleger an Waldinvestments beteiligen. „So steht ‚Wald 2.0‘ für den Bürgerwald par excellence: Bürger sind nicht mehr nur Nutzer, sondern auch Eigentümer. Sie identifizieren sich wieder mit dem Wald vor ihrer Haustür und ihr Bewusstsein für eine nachhaltige Nutzung des Ökosystems wird gestärkt“, berichtet Markus Wolff. „Überdies wird Klimaschutz damit zu einem Renditeobjekt. Vor dem Hintergrund der steigenden Nachfrage nach Holz als Baustoff und Energieträger ist zu erwarten, dass die Anteile langfristig mehr wert sein werden.“ Neben Privatleuten sind Firmen, die ihre Ökobilanz ausgleichen möchten, die zweite Zielgruppe von „Wald 2.0“..

So steht es auf der Webseite der NRW Bank.

„Ökobilanz ausgleichen möchten …“ Das erinnert an die Bierkastenwerbung. Wer einen Kasten Bier von hier kauft, der pflanzt damit zugleich einen Baum im Remscheider Regenwald, sozusagen.

Aber wenn wir das Thema vertiefen, dann lohnt ein Blick ins Gesetz (GenG):

„Abschnitt 1
Errichtung der Genossenschaft
§ 1 Wesen der Genossenschaft
(1) Gesellschaften von nicht geschlossener Mitgliederzahl, deren Zweck darauf gerichtet ist, den Erwerb oder die
Wirtschaft ihrer Mitglieder oder deren soziale oder kulturelle Belange durch gemeinschaftlichen Geschäftsbetrieb
zu fördern (Genossenschaften), erwerben die Rechte einer „eingetragenen Genossenschaft“ nach Maßgabe
dieses Gesetzes.
(2) Eine Beteiligung an Gesellschaften und sonstigen Personenvereinigungen einschließlich der Körperschaften
des öffentlichen Rechts ist zulässig, wenn sie
1. der Förderung des Erwerbes oder der Wirtschaft der Mitglieder der Genossenschaft oder deren sozialer oder
kultureller Belange oder,
2. ohne den alleinigen oder überwiegenden Zweck der Genossenschaft zu bilden, gemeinnützigen
Bestrebungen der Genossenschaft
zu dienen bestimmt ist.
§ 2 Haftung für Verbindlichkeiten
Für die Verbindlichkeiten der Genossenschaft haftet den Gläubigern nur das Vermögen der Genossenschaft.“

Mir scheint, dass die Genossenschaft eine neue Art der GmbH wird, die als neue Geschäftsidee einer alten Hülle zu neuem Leben verhilft. Seit der Novellierung 2006 ist das Prinzip der Genossenschaft so ähnlich wie das Prinzip einer GmbH, wenn man der wikipedia glauben darf.

Man kann es auch einfach ausgedrückt anders sagen. Die Sparda-Bank ist zum Beispiel auch eine Genossenschaft. Das Prinzip der Kundenbindung hindert aber nicht am Geldverdienen. Es kommt eben auf die Satzung an. Und so kann eine Genossenschaft, „deren Zweck darauf gerichtet ist, den Erwerb oder die Wirtschaft ihrer Mitglieder … zu fördern“, ein Geschäftsmodell sein.

Da es aber hier eigentlich um den Wald der Remscheider Bürger geht, den „Bürgerwald“, also das, was den Menschen im öffentlichen Raum zur Verfügung steht, ist dies alles im Blick zu halten. Da fallen einem viele Fragen ein, wenn man etwas tiefer liest.

Eine Auswahl:

  • Oder ist das gar kein öffentlicher Raum mehr, der von allen Menschen hier genutzt werden darf sondern Privateigentum der Genossenschaft?
  • Wird der Baumbestand dann abgeholzt, um Bauland zu schaffen oder werden Bäume gepflanzt, die erst sechzig Jahren wachsen dürfen?
  • Wird Wald nur hier gekauft oder überall?
  • Verkaufen dann Kommunen ihre Wälder an Genossenschaften, wenn sie kein Geld mehr haben und privatisieren sie den öffentlichen Raum?
  • Werden die nunmehr privaten Wälder zum Privatgelände, dass – wenn überhaupt – nur noch mit einem Jahresticket betreten werden darf?
  • Werden bedrohte Baumarten gepflanzt oder schnell nachwachsende attraktive Baumsorten?
  • Werden die Belange der heimischen Tiere berücksichtigt?
  • Wer bezahlt dies denn eigentlich alles? Die Bewirtschaftung wird doch sicherlich unter Kostengesichtspunkten erfolgen
  • Kann man Wald nur unter Kostengesichtspunkten sehen, obwohl er ganz elementar z.B. eine unserer Lebensgrundlagen, den Sauerstoff (der kommt nämlich nicht aus Autos), produziert

Mal sehen wie die gelebten Antworten ausfallen werden.

So hoffe ich, dass dies das erste Mal sein wird, wo vor dem Gewinn der Schutz der letzten dicken Bäume in Remscheid stehen wird.

Die Erfahrung lehrt ja bisher etwas anderes.