„Was glauben Sie – schaffen die architektonischen Umstände die sozialen Verhältnisse, oder ist es umgekehrt?

Elmar Haardt: In Deutschland hat der Krieg diese architektonischen Umstände geschaffen. Diese ganzen gesichtslosen Zweckbauen sind in den 20 bis 30 Jahren nach dem Krieg entstanden …

… aber in den USA kann man die Bausünden ja nicht auf Kriegsschäden zurückführen

Elmar Haardt: Nein, das ist eine freiwillige Ödnis, sozusagen.“

Diese Gedanken aus einem Interview mit dem Ethnologen Elmar Haardt führten mich dazu, meinen verloren gegangenen Artikel zum Thema Architektur in Remscheid zu rekonstruieren und hier verändert zu publizieren.

An anderer Stelle in dem Interview fügt er noch hinzu: „Ich habe Europäische Ethnologie studiert und mich in meiner Magisterarbeit ausführlich mit dem Thema Gentrifizierung beschäftigt. Man kann das Ganze auch positiv sehen – abgesehen von den Begleiterscheinungen wie überteuerte Mieten et cetera. Für einen Stadtteil kann es auch von Vorteil sein, wenn er sozial durchmischt ist. Wenn zum Beispiel Kinder aus sogenannten bildungsfernen Familien mit Akademikerkindern zusammen in die Schule gehen. Ich spreche da aus eigener Erfahrung. Ich bin in Essen in einem sozialen Brennpunkt aufgewachsen. Heute bin ich darüber sehr froh, weil ich eine Menge gelernt habe.“

Hier sind zwei wesentliche Probleme von Remscheid angesprochen. Ich wollte dabei nun auf die architektonischen Aspekte eingehen.

Foto: Michael Mahlke

Das erste Foto faßt sehr schön die Remscheider Situation und Architektur zusammen. Statt Wartehäuschen gibt es einen Regenunterstand, der an Lieblosigkeit nicht zu überbieten ist. Selbst die Betonwartehäuschen in den Ostblockländern waren da noch zweckmäßiger und schützten wenigstens. Und Sonne? Na ja, dafür kann die Architektur nichts.

Foto: Michael Mahlke

Hier sieht man genau, was unter gesichtslosen Zweckbauten zu verstehen ist. Industriemenschen und Industriearchitektur sind Ausdruck eines Denkens, das aus ganzheitlichen Menschen Zweckwesen mit Effektivitätsdenken macht. Dabei bleiben das Schöne, der Sinn für die Umwelt, die Natur und ein lebenswertes Umfeld auf der Strecke.

Foto: Michael Mahlke

Das Schlimmste dabei ist, dass diese gesichtslose Architektur bei Neubauten fortgesetzt wird. Und das werfe ich konkret auch den Verantwortlichen vor. Statt eine schöne neue Architektur hervorzubringen, die der Stadt ein feines neues Gesicht gibt, bleibt es bei der alten Architektur, so dass die Form der Funktion angepasst wird.

Foto: Michael Mahlke

Wände sollen ja stützen und schützen. Der neue Höhepunkt der Remscheider Architektur – das neue Gesicht – ist das Weglassen von Wänden, die schützen. Da in Remscheid besonders viel Wind ist, der Wind oft besonders hässlich ist und es oft zieht, hat sich hier eine besonders bösartige Form der menschenfeindlichen Architektur manifestiert.

Foto: Michael Mahlke

Und der vorläufige Höhepunkt ist sicherlich die Fußgängerbrücke am Bahnhof.

Remscheid Fussgängerbrücke - Foto: Michael Mahlke

Aber Remscheid zieht trotz allem die Kunst und die Kulturen an.

Foto: Michael Mahlke

Vielleicht zeigt dieses Foto genau das, was Remscheid fehlt, um diese neue freiwillige Ödnis hinter sich zu lassen. Mehr Mut für das Neue und mehr Mut für Veränderung – für die Menschen, für die Kunst und für die Zukunft!

Was fällt Ihnen an dem letzten Foto eigentlich noch auf? Was ist anders als bei den anderen Fotos?

Hier gibt es grüne Bäume und geschützte Bereiche. Menschen sind gerne dort wo ein gemütliches Umfeld ist, wo die Natur vorhanden ist und sich sogar Kunst tummelt.

Deshalb sind Fragen wie die nach dem Wald, dem Abholzen, der Unwirtlichkeit unserer Städte und die Debatte um die städtebauliche Veränderung so wichtig: „Man pferche den Angestellten hinter den uniformierten Glasfassaden dann auch noch in die uniformierte Monotonie der Wohnblocks, und man hat einen Zustand geschaffen, der jede Planung für eine demokratische Freiheit illusorisch macht.“

In diesem Sinne